Verdammt, wo ist die Bohrmaschine?

Oder: Warum man generell nie das passende Werkzeug zur Hand hat

Heimwerker werden das Problem kennen. Das Material für das in langer Vorarbeit geplante, hochgradig durchdachte, neue Projekt ist unter der Woche online eingekauft worden eingekauft worden, Pläne, Skizzen und Zeichnungen liegen bereit und die Vorfreude auf die Bastelarbeiten steigt mit jeder Minute. Man meint, jede noch so kleine Unwägbarkeit ist bedacht worden und selbst Frau und Kind wurden vorsorglich ausquartiert – schließlich soll nichts die heilige Ruhe während der Arbeit stören. Dann geht es frohen Mutes ans Werk. Einige Zeit läuft auch alles wie geschmiert doch dann steht das Bohren eines 5 mm Loches an. Und was fehlt in der Regel immer, wenn ein kleiner, leider aber überaus bedeutender Fertigungsschritt zu erledigen ist? Richtig, das passende Werkzeug. Wenn die Bohrmaschine auffindbar ist, fehlt garantiert der 5 mm –Bohrer, liegt dieser in der Werkzeugkiste, ist die Bohrmaschine als Ganzes verschollen. Und das obwohl Sie ganz sicher waren, alle Utensilien zu besitzen. Doch woran liegt es, dass immer genau das passende Werkzeug fehlt?

Grund 1: Wurmlöcher in andere Dimensionen

Nicht wenige Heimwerker sind geneigt, bei fehlenden Werkzeugen an die interessante, jedoch jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehrender Theorie der plötzlich auftauchenden Wurmlöcher zu glauben, die Werkzeuge und sonstige Utensilien von jetzt auf gleich in andere Dimensionen befördern. Sicherlich ist es auch Ihnen bereits passiert, dass Ihnen ein gar nicht mal so kleines Werkzeug aus der Hand gefallen und daraufhin spurlos verschwunden ist. Trotz intensiver Suche taucht dieses Werkzeug garantiert erst dann wieder auf, wenn Sie online bereits für teures Geld Ersatz beschafft haben.

Grund 2: Die lieben Nachbarn

„Kannst du mir mal kurz einen Hammer ausleihen? Bekommst du garantiert morgen wieder!“ Kommt Ihnen dieser Satz bekannt vor? Wenn ja, dann wissen Sie auch, dass das verliehene Werkzeug mit einer nahezu hundertprozentigen Wahrscheinlichkeit nicht morgen zurückgebracht wird und tief in Ihnen drin werden Sie auch wissen, dass genau dieser Hammer spätestens beim nächsten Projekt in Ihrem Bastelkeller fehlen wird. Leider haben Sie bis dahin vergessen, wann und an wen Sie das Werkzeug verliehen haben. Das Problem an Werkzeugen ist, dass sie keine Güter des täglichen Bedarfs darstellen. Wenn Sie beispielsweise Ihr Notebook, Smartphone oder den neuen Fernseher verleihen würden, würde Ihnen spätestens am übernächsten Tag auffallen, dass da was Wichtiges fehlt. Aber bei einem Hammer? Wenn Sie nicht gerade Ihr Geld mit dem Erschaffen von Nagelbildern verdienen oder einen Hammer als Briefbeschwerer nutzen (womit dieses Werkzeug täglich in Ihrem Blickfeld wäre), fällt Ihnen das Nichtvorhandensein einfach nicht auf. Hier greift das schöne Sprichwort: „Aus dem Auge, aus dem Sinn“. Natürlich meint Ihr Nachbar das nicht böse, wenn er Ihnen das Werkzeug nicht wie versprochen am nächsten Tag zurückbringt. Auch bei ihm als kurzfristiger Anwender des geliehenen Werkzeugs ist der Hammer nur ein Utensil, das schnell mal beiseitegelegt und dann einfach vergessen wird.

Grund 3: Der Wunsch als Vater des Gedanken

So ein Winkelschleifer ist wirklich ein feines Gerät. Zumindest dann, wenn Sie Metalle bearbeiten wollen. Mit den passenden Aufsätzen lassen sich nicht nur scharfe Grate entfernen, auch alte Lackschichten oder Rost entfernt ein Winkelschleifer zuverlässig, präzise und ohne großen Kraftaufwand. Gut, dass Sie damals bei der Supersonderaktion zugegriffen haben und seitdem ein solches Gerät Ihr Eigen nennen können. Die Anschaffung ist zwar schon ein paar Jahre, eher Jahrzehnte her, aber so ein Gerät wird ja nicht schlecht. Nun wünscht Ihre Liebste, dass Sie die alte Gartenbank im neuen Glanz erstrahlen lassen. Der Lack ist ab und die Patina auf Sitzfläche und Lehne ist auch eher unschön – natürlich kein Problem für Sie und Ihren Winkelschleifer! Mit dem Wissen, dass das Gerät nach jahrelanger Nichtnutzung im Hobbykeller auf die Erstnutzung wartet, möchten Sie beschwingt und hochmotiviert ans Werk gehen. Und stellen dann fest, dass weder im Hobbykeller noch sonst wo in Ihren vier Wänden ein Winkelschleifer auf Sie wartet. Das Gerät ist nicht da. Und war wahrscheinlich auch noch nie in Ihrem Besitz.

Denn das menschliche Gehirn neigt dazu, Ihnen dann und wann Streiche zu spielen. Sie werden damals höchstwahrscheinlich sehr lange überlegt haben, ob Sie die 150 Euro für den Winkelschleifer im Sonderangebot nun investieren werden (das war aber auch ein verlockendes Schnäppchen!), Sie haben sich dann aber doch dafür entschieden, das Geld zu sparen (es könnte ja noch ein besseres Angebot kommen). Die Sache ist, dass unser Gehirn sich eher schöne Momente merkt und negative Erfahrungen gerne ausblendet. Den schönen Moment, nämlich das tolle Gefühl, ein neues Werkzeug zu einem unfassbar günstigen Preis erstehen zu können, hat sich gegenüber dem unschönen Moment, nämlich dem Verzicht aus rationalen Gründen, in Ihrer Erinnerung durchgesetzt. Über die Jahre verwickelten sich Wunsch und Realität unbemerkt in Ihrem Geiste, so dass Sie schlussendlich vollkommen davon überzeugt sind, den Winkelschleifer in Ihrem Besitz zu haben.

Grund 4: Vernachlässigte Neuanschaffungen

Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Das gilt nicht nur für die Holzwirtschaft, sondern auch für den Hobbykeller. Werkzeuge unterliegen naturgemäß einem Verschleiß, und häufig genutzt Werkzeuge verschleißen schneller als die Exoten im Werkzeugkoffer, die nie oder nur alle paar Jahrzehnte genutzt werden. Ein stumpfer Bohrer wird in den Müll geworfen. Der Kreuzschlitzschraubendreher, dessen Spitze nach harten Einsätzen alles darstellt außer einem Kreuz wird entsorgt. Der Bohrhammer mit defektem Getriebe – weg damit. Kaputtes Werkzeug nimmt Platz weg und stört den Arbeitsfluss, natürlich wird es entsorgt. Was allerdings nicht so regelmäßig geschieht, ist der Kauf von Ersatz. Ein häufig gehörter Spruch ist dann: „Beim nächsten besuch eines Onlineshops für Werkzeuge muss ich unbedingt den 10er Steinbohrer neu kaufen“. Steht dieser Besuch dann nicht unmittelbar auf der Agenda, ist fast schon garantiert, dass der Ersatzinvest für das kaputte Werkzeug vergessen wird. Und dann, Monate später, soll eine schwere Lampe an die massive Decke gehängt werden. Und was fehlt genau dann? Richtig, der 10er Steinbohrer. Kann man diesem Dilemma entgegenwirken? Ja, man kann. Man braucht jedoch viel Disziplin, viel Zeit und den unbedingten Willen, jedes defekte Werkzeug unmittelbar neu anzuschaffen. Alternativ hilft auch eine Gedächtnisstütze, doch dazu im nächsten Abschnitt mehr.

Was nun, was tun?

Die schlechte Nachricht gleich zu Beginn. Gegen Wurmlöcher in andere Dimensionen können Sie nichts, aber auch rein gar nichts ausrichten. Fällt Ihnen die Feile auf den Boden und ist weg, dann ist sie weg. Bleiben Sie in diesem Fall gelassen und warten Sie in Ruhe ab. Erfahrungsgemäß verlieren die Herrschaften in anderen Dimensionen nach geraumer Zeit ihr Interesse an unseren irdischen Dingen. Schauen Sie einfach ein paar Stunden später nochmal nach, und zwar in einem um einige Meter erweiterten Suchradius. In vielen Fällen liegt das vermisste Objekt dann in aller Seelenruhe genau vor Ihren Augen. Versuchen Sie erst gar nicht, dieses Mysterium zu verstehen. Sie werden daran scheitern.

Bei verliehenen Gegenständen hilft nur penetrantes Nachhaken, und zwar sehr zeitnah. Haben Sie den Hammer mit der Voraussetzung verliehen, ihn am nächsten Tage zurück zu bekommen, dann fragen Sie spätestens am übernächsten Tage nach. Wird der Hammer dann noch vom Nachbarn eingesetzt, machen Sie sich eine Erinnerung in Ihren Kalender. Und nerven Sie den Nachbarn so lange, bis Sie Ihr Werkzeug zurückbekommen haben. Als Faustregel gilt: Was länger als einen Monat verliehen ist, ist verloren. Sie verlieren das Werkzeug aus den Augen und Ihr Nachbar ebenso. Und sind erst mal ein paar Monate vergangen, wird das Nachfragen genauso peinlich wie das verschämte Zurückbringen des geborgten Gegenstandes.

Bei Werkzeugen, die sich nicht auffinden lassen, weil Sie sie gar nicht erst besessen haben, helfen unsere guten Tipps leider überhaupt nicht. Sie können hier weder mit Geduld noch mit Penetranz irgendeine Änderung Ihrer Situation erzielen. Sie können sich nur damit abfinden, dass Sie mit einer gut funktionierenden Vorstellungskraft gesegnet sind. Und, sofern Sie akuten Bedarf an einem bestimmten Werkzeug verspüren, einen Besuch in einem Onlineshop für Werkzeuge zu machen und das imaginäre Werkzeug dort zu bestellen. Zu guter Letzt: Seien Sie konsequent, was das Nachkaufen von defekten Werkzeugen anbelangt. Gerade bei häufig eingesetzten Werkzeugen sollten Sie den Ersatzinvest nie auf die lange Bank schieben. Das nächste Projekt kommt nämlich ganz bestimmt und garantiert auch dann, wenn Sie weder Lust noch Zeit haben, extra für einen 10er Bohrer die 40 km bis zum nächsten gut sortierten Fachmarkt in der Großstadt zu fahren.

 

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